Weiße Blätter
 
Ausgabe Sept./Okt. 1939 der Zeitschrift "Weiße Blätter - Zeitschrift für Geschichte, Tradition und Staat": Monatszeitschrift des monarchistischen Widerstands im 3. Reich; erschien in Bad Neustadt/Saale unter dem Herausgeber Dr. Karl Ludwig Freiherr von und zu Guttenberg.
Text aus Frakturschrift übertragen und in alter Rechtschreibung belassen.

 

Ein Andenken an die Königin Luise

Von Dr. Kurt Jagow

Unser Mitarbeiter Dr. Kurt Jagow veröffentlicht soeben im Verlage Arthur Collignon zu Berlin ein Büchlein unter dem Titel „Der alte Kaiser erzählt“. Es bringt bisher unbekannte Anekdoten aus dem Leben Kaiser Wilhelms I., die dieser gern den Seinen zu erzählen pflegte und die nun in Wiedergaben der Großherzogin Luise von Baden, der Königin Viktoria von Schweden, Kaiser Wilhelms II., des Oberhof- und Dompredigers D. Kögel u.a. vorgelegt werden. Wir haben den Herausgeber gebeten, kritisch zu einer der wiedergegebenen Anekdoten, die die Königin Luise betrifft, Stellung zu nehmen, was im Folgenden unter Heranziehung ungedruckten Materials erfolgt.   Die Schiftleitung

„Mir ist die schwere Aufgabe geworden“, hat Kaiser Wilhelm I. einmal zu Anfang der siebziger Jahre seinem Oberhof- und Domprediger D. Kögel erzählt, „einiges vernichten zu müssen, was von der Hand meiner Mutter und meines Vatealtrs herrührte. Soweit meine Erinnerung an meine Mutter zurückreicht, kann ich mir ihr Bild nicht vorstellen, ohne daß ich sie im Geiste mit einem grünseidenen (!) Beutel sehe, den sie immer bei sich zu tragen pflegte. Noch im Schlosse Hohenzieritz, am 19. Juli 1810, als mein Vater meinen älteren Bruder und mich an das Sterbebett der Königin nahm und wir zum Gesegnetwerden niederknieten, sah ich jene Tasche auf einem Stuhl dicht vor dem Bette liegen. Nach dem Tode der Königin hörten wir, jene Tasche sei rätselhaft verschwunden, und niemand habe zu fragen gewagt, wohin sie gekommen sei. Dreißig Jahre später, nach dem am 7. Juni 1840 erfolgten Heimgange meines Vaters, empfing ich von meinem regierenden Bruder den Auftrag, einen Schrank zu öffnen, in dem wertvolle Papiere liegen sollten. Ich tat es, und wer beschreibt mein wehmütiges Erstaunen, als ich den wohlbekannten grünseidenen Beutel mit Briefen meiner Eltern bis in die Brautzeit zurück unter der Aufschrift meines Vaters fand: „Nach meinem Tode zu verbrennen!“ Ich ging zu meinem Bruder und erbat seinen Befehl. Er verlangte, dass ich das Gefundene den Flammen übergeben solle. Ich tat es mit schwerem Herzen.“
 
Was ist mit diesem Andenken an Preußens unsterbliche Königin, von dem wir bisher nichts gewußt haben? Königin Luise selber hat dieses ihres persönlichen Gebrauchsgegenstandes kurz vor ihrem Tode in einem noch ungedruckten Briefe (Hessisches Staatsarchiv in Darmstadt) vom 17. Juni 1810 an ihre Schwägerin, die Prinzessin Marianne von Preußen, Erwähnung getan: „Sage doch deiner ältesten Schwester, daß ich ihren vortrefflichen Brief, den Du gelesen hast, immer bei mir habe, in dem gewissen blauen Arbeitsbeutel.“ Im übrigen aber berichten weder die veröffentlichten Briefe aus jener Epoche noch die Erinnerungen der Zeitgenossen von dieser Hinterlassenschaft der Königin Luise. Wir sind jedoch in der Lage, deren Spuren zu verfolgen, wenn wir den im Brandenburg-Preußischen Hausarchiv ruhenden unveröffentlichten Briefwechsel Kaiser Wilhelms I. mit seiner Schwester Charlotte heranziehen, die als Gemahlin des Zaren Nikolaus I. seit 1817 nach Rußland verheiratet war und dort Kaiserin Alexandra Feodorowna hieß. Von Petersburg aus richtete die Zarin am 31. Dezember 1840, ein halbes Jahr nach dem Tode ihres Vaters, Friedrich Wilhelms III., an ihren zweiten Bruder, den damaligen Prinzen von Preußen, folgende Bitte: „Und gerne möchte ich wissen, was in dem kleinen Glasschrank zu Charlottenburg sich noch von Andenken an Mama befinden. Ich denke, es muß da ein alter blauer (!) Reisesack liegen, worin noch Sachen von der letzten Reise nach Hohenzieritz sich befinden. Bitte, bitte sei so gut, mir darüber einen Bericht zu machen!“
 
altPrinz Wilhelm hat über den schwesterlichen Wunsch nach dem Besitz des Andenkens, der ziemlich unverhüllt aus diesen Worten sprach, sogleich, noch ehe er den gesuchten Beutel selbst ermitteln konnte, mit seinem Bruder, dem nun regierenden König Friedrich Wilhelm IV. gesprochen - in welchem Sinne und mit welchem Ergebnis zeigt die Stelle aus dem Briefe Wilhelms an Charlotte vom 27. Januar 1841: „Noch hatte ich keine Zeit, nach Charlottenburg zu gehen, um im Glasspinde nach dem braunen (!) Sack von Mama zu sehen; findet er sich, so erlaubt Fritz, daß Du ihn behältst.“ Hier sei erwähnt, dass das Zimmer König Friedrich Wilhelms III., in dem das erwähnte Glasspind stand, sich im Erdgeschoß des von Friedrich dem Großen erbauten Ostflügels des Charlottenburger Schlosses befand, dort wo jetzt die Staatliche Hochschule für Musikerziehung und Kirchenmusik untergebracht ist.